Freeport Campaign Guide

freeport_logo_200_01.jpgAuf dem GenCon 1999 stellte Wizards of the Coast nach langer Wartezeit die 3. Edition des Dungeons and Dragons™ Rollenspielsystems vor. Wegweisend war dabei nicht nur die professionelle Gestaltung der Produkte, sondern auch das Lizenzmodell des zu Grunde liegenden d20 Regelsystems, das es Drittanbietern ermöglichen sollte, eigene Produkte für D&D zu veröffentlichen.

Das damals noch kleine und weitestgehend unbekannte Verlagshaus „Green Ronin Publishing“ aus Seattle nahm dieses Modell von Anfang an als großartige Gelegenheit wahr, mit den eigenen Produkten ein breites Publikum anzusprechen. Ebenfalls auf dem GenCon stellte Green Ronins Mitbegründer und Geschäftsführer, Chris Pramas, daher das Abenteuer-Modul „Death in Freeport“ vor, das erste d20 Produkt, das nicht von Wizards of the Coast selbst veröffentlicht wurde.

Dem Erfolg dieses Moduls ist nicht nur zu verdanken, dass noch drei weitere Abenteuer erschienen („Terror in Freeport“, „Madness in Freeport“ und „Hell in Freeport“), inzwischen ist aus der Freeport Trilogie eine der erfolgreichsten Produktserien auf dem d20 Markt geworden.

Es folgten ein Hardcover-Band mit einer umfangreichen Beschreibung der Piratenstadt Freeport („Freeport: The City of Adventure“), einige weitere Abenteuer und eine überschaubare Anzahl von Quellenbüchern.

Inzwischen ist die klassische Freeport Trilogie auch auf deutsch erschienen, und zwar beim Mario Truant Verlag, unter den Titeln „Tod in Freihafen“, „Terror in Freihafen“ und “Wahnsinn in Freihafen“. Leider wurde auf jeden Teil der Trilogie ein anderer Übersetzer angesetzt, so dass es teilweise zu leichten Abweichungen kommt (wobei man nach der Lektüre von „Tod in Freihafen“ durchaus versteht, warum sich der Verlag bei Teil zwei und drei für einen anderen Übersetzer entschieden hat).

Die englischen Originale der klassischen Trilogie sind schon seit geraumer Zeit Out of Print, erleben aber derzeit ein Revival im PDF-Format, inklusive einer Aktualisierung für die Revised Edition des D&D Regelwerkes. Diese PDF-Dateien kann man für jeweils $ 6.00 bei www.rpgnow.com erwerben (Kreditkarte vorausgesetzt).

Freeport -- Was ist das eigentlich?

Der Freibeuterhafen Freeport ist eine Stadt, die sich in so ziemllich jedes Fantasy-Setting mit geringem Aufwand integrieren lässt. So spielt in den drei Ur-Modulen (Death, Terror und Madness) der Gott des Wissens eine entscheidende Rolle, einen Namen hat der Gott allerdings nicht. So ist es problemlos möglich ihn durch einen passenden Gott aus der eigenen Spielwelt zu ersetzen. Entsprechend werden auch die Götter des Meeres, der Piraten oder des Mordes erwähnt, allerdings nicht weiter ausgearbeitet.

Auch die Geschichte von Freeport ist so konzipiert, dass zwar ein Bezug zur Geschichte der Spielwelt besteht, dieser ist allerdings so generisch gehalten, dass man in jedem Setting eine Region finden sollte, in der Freeport nicht wie ein Fremdkörper erscheint, sondern den Anschein erweckt, als wäre es schon immer da gewesen. Wer nun denkt, die Geschichte Freeports könne nur recht skizzenhaft ausgearbeitet sein, der täuscht sich gewaltig, denn genau das Gegenteil ist der Fall: Freeport hat eine reichere und spannendere Geschichte, als so manche Metropole in Oerth oder Faerûn.

Während das Bild von Freeport in der klassischen Trilogie noch recht grob und unvollständig bleibt, so schafft hier das Herzstück der Produktserie Abhilfe: In Freeport: The City of Adventure, werden sämtliche Stadtviertel, Orte, Religionen und Fraktionen eingehend beschrieben, die in Freeport von Bedeutung sind. Zusammen mit den Informationen aus den vielen verschiedenen Abenteuer-Modulen ergibt sich ein sehr ein sehr plastisches Bild der Freibeuter-Metropole, das trotz allem noch genug Freiraum für den Spielleiter lässt, um die Stadt nach seinem persönlichen Geschmack und den Anforderungen seiner Kampagne anzupassen.

Die Stadt als Setting

Freeport kann ohne weiteres als Schauplatz einer vollwertigen Kampagne dienen, und allein mit den käuflich zu erwerbenden Modulen ist genügend Material für unzählige Spielabende vorhanden. Insgesamt sind zehn offizielle Abenteuer erschienen, wobei vom Mini-Szenario wie „Fair Salvage“ oder „The Last Resort“ (jeweils zu finden in „Tales of Freeport“), bis zum epischen Mega-Adventure („Black Sails over Freeport“) die gesamte Bandbreite vertreten ist. Im vergangenen Jahr wurde sogar im Dungeon Magazine ein kleines Freeport-Abenteuer veröffentlicht („Dead Man’s Quest“, Dungeon #106). Es folgt eine tabellarische Übersicht über alle bisher veröffentlichten Freeport Abenteuer:

 

AbenteuerQuelleStufenHerausgeber
Death in FreeportDeath in Freeport1-3Green Ronin Publishing
Terror in FreeportTerror in Freeport2-4Green Ronin Publishing
Madness in FreeportMadness in Freeport3-5Green Ronin Publishing
Hell in FreeportHell in Freeport10-12Green Ronin Publishing
Soul of the SerpentTales of Freeport6-8Green Ronin Publishing
The Last ResortTales of FreeportEgalGreen Ronin Publishing
Cut-Throat’s GoldTales of Freeport6-8Green Ronin Publishing
Fair SalvageTales of Freeport8-10Green Ronin Publishing
Black Sails over FreeportBlack Sails over Freeport6-?Green Ronin Publishing
Dead Man’s QuestDungeon Magazin #1061Paizo Publishing
Tod in Freihafen*Tod in Freihafen1-3Mario Truant Verlag
Terror in Freihafen*Terror in Freihafen2-5Mario Truant Verlag
Wahnsinn in Freihafen*Wahnsinn in Freihafen3-5Mario Truant Verlag

*Hierbei handelt es sich um die deutsche Übersetzung der klassischen Freeport Trilogie

Anm.d.Red.: Von fast allen Produkten der Reihe gibt es im Gate auch Rezensionen und zwar Hier! und Hier!

 

Abgesehen von dieser Auswahl an fertigen Abenteuern ist zu beachten, dass es in vielen Freeport Produkten auch eine Menge kleiner Abenteuer-Aufhänger (Adventure Hooks) gibt, die es dem Spielleiter erleichtern sollen, sich eigene Abenteuer auszudenken. Außerdem kann man viele Stadtabenteuer von anderen Anbietern auch problemlos in Freeport ansiedeln, so zum Beispiel „The Speaker in Dreams“ („Der Traumflüsterer“) von Wizards of the Coast bzw. AMIGO Spiel + Freizeit GmbH.

Politik, Piraten und kosmischer Horror

Soweit so gut, möchte man sagen, es gibt für Freeport also jede Menge Hintergrundmaterial und Abenteuer, was ja an und für sich sehr schön ist. Was aber unterscheidet die Stadt der Abenteuer von anderen Städten eines typischen Fantasy Settings? Zunächst einmal geht ein gewisser Reiz natürlich vom karibischen Flair aus, der Freeport umgibt. Jeder, der im vergangenen Sommer „Fluch der Karibik“ im Kino gesehen hat, dürfte verstehen, was damit gemeint ist. Jeder, der diesen Film mochte, wird Freeport lieben, denn die Stadt hat alles, was das Säbelrassler-Genre zu bieten hat: Verabscheuungswürdige Piraten, raubeinige Seeleute, eine korrupte Obrigkeit, Marinesoldaten in sauberen Uniformen und jede Menge Raum für klassische Swashbuckling Action.

Die Piraten-Thematik macht allerdings nur einen Teil von Freeport aus. Gleichberechtigt steht daneben der kosmische Horror im Stil von H.P. Lovecrafts Cthulhu Mythos. Kenner des Mythos dürften hellhörig werden, wenn sie von der Bruderschaft des Gelben Zeichens, dem Unaussprechlichen oder Vater Yig lesen – Elemente die in verschiedenen Freeport Produkten eine wichtige Rolle spielen. Nicht von ungefähr findet man auf der Website von Green Ronin unter den Ankündigungen für die Zukunft ein ominöses „Lovecraftian Sourcebook“, das sich seit einiger Zeit in Planung befindet (ob es tatsächlich noch erscheint, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt).

Neben diesen beiden wichtigen Punkten, ist auch Politik in Freeport ein wichtiges und kompliziertes Thema: Die Stadt wird gemeinsam vom Seeherren und dem Kapitänsrat regiert, doch darüber hinaus haben auch Adlige und Kaufleute überall ihre Finger im Spiel. Politische Intrige zieht sich wie ein roter Faden durch einen großen Teil der erschienen Freeport Abenteuer und bietet die perfekte Grundlage für eine Kampagne um geheime Allianzen, Verrat und halbseidene Machenschaften.

Alles Super?

Bei soviel Lob stellt sich natürlich die Frage, ob es denn gar nichts auszusetzen gibt an Green Ronins Piraten-Setting. Zur Klarstellung bleibt zu sagen, dass es selbstverständlich einige Kritikpunkte gibt, die sich allerdings im Rahmen der Erträglichen halten. Zunächst einmal sollte man daran denken, dass die Mehrheit der Freeport Produkte für D&D 3.0 entworfen wurde (dies trifft auf alle Produkte bis auf „Black Sails over Freeport“ und „Creatures of Freeport“ zu). Durch die Revised Edition der Core Rules kommt es also zwingend zu einigen Abweichungen und Schwierigkeiten. Besonders auffällig ist dies beim Abenteuer „Hell in Freeport“, in dem eine ganze Reihe von Begegnungen mit Teufeln vorkommen. Die Revision des Monster Manuals hat eine starke Veränderung der Herausforderungsgrade gerade bei den bösen Externaren bewirkt, was bei diesem Abenteuer zu einigen Schwierigkeiten führt. Eine Begegnung, die früher eine Begegnungsstufe von 10 hatte, ist nun plötzlich vier Stufen höher angesiedelt, was ohne Modifikationen durch den Spielleiter schnell zum TPK führen kann.

Ähnlich sieht es bei der klassischen Trilogie aus, wobei hier die Probleme weniger im Wechsel von D&D 3.0 auf 3.5, sondern vielmehr im frühen Erscheinungsdatum der Module begründet liegen. An mehreren Stellen wird hier deutlich, dass das Regelverständnis der Designer noch etwas zu wünschen übrig lässt, was sich dann in Fehlern, vor allem bei den Statistiken von NSC und der Berechnung von Begegnungsstufen, niederschlägt. Derzeit arbeitet Green Ronin allerdings an einer fehlerbereinigten und aktualisierten Version der Module, die voll kompatibel zu D&D 3.5 ist, und – wie eingangs erwähnt – als PDF bei www.rpgnow.com erhältlich ist. Leider ist bisher nur der erste Teil der klassischen Trilogie erschienen, die beiden Nachfolger lassen noch auf sich warten.

Trotz dieser Schwächen bleibt Freeport mit Sicherheit eine Perle im Dschungel des manchmal etwas unüberschaubaren d20 Marktes. Wenn dein Interesse durch diesen Artikel geweckt wurde, solltest du einmal im Rezensionsbereich des Gate vorbeischauen, wo du weitere Informationen zu den meisten erschienen Freeport Produkten findest.

© 2004
Stephan „Talwyn“ Schobloch

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  • Zuletzt geändert: 25.02.2018 14:15
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