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Gothic
Bewertung:
(5.0)
Von: Daniel Heymann
Am: 14.03.2004
Autor:Piranha Bytes
Typ:
System:eigenes
Setting:eigenes
VerlagPiranha Bytes
ISBN/ASIN:keine
Inhalt:1 CD, Handbuch
Sprache:Deutsch

Spiele aus deutschen Landen besitzen immer noch Seltenheitswert und allzu großer Erfolg ist ihnen meist nicht beschieden. Umso erfreulicher stimmt es daher, dass sich Piranha Bytes gleich mit ihrem Erstlingswerk Gothic anschickt, der Spielewelt zu zeigen, dass im Herzen des Ruhrgebietes deutlich mehr schlummert, als das unachtsame Auge vermuten würde.

 

Mit Gothic stößt Piranha Bytes gleich in eine der Königsdisziplinen der Spieleszene vor, was Projektdauer und Komplexität angeht ? die Rollenspiele. Die Story von Gothic ist gleichsam simpel, wie fesselnd.

 

Das Reich befindet sich in großem Aufruhr und erbebt unter dem Krieg mit den Orks, als der König beschließt die Gefangenen des Reiches einzusetzen, um kriegswichtige Ressourcen bereit zu stellen. In den Minen von Khorinis sollen die Gefangenen den Tribut des Krieges zahlen, was diese nur wenig erbaut. Um den Arbeitern jedwede Hoffnung auf Erlösung und Freiheit zu nehmen, ruft der König seine zwölf mächtigsten Adepten des Feuers und Wassers zu sich und gebietet ihnen eine Barriere über Khorinis zu errichten, die jedwedes Leben hinein, jedoch keines hinaus lassen sollte. Der Zauber gelingt ? jedoch deutlich besser, als erwartet und geplant. Ein deutlich größere Areal wird unter der Barriere begraben und auch die Magier finden sich als Gefangene ihrer eigenen Schöpfung wieder. Die Arbeiter aber nutzen die Gelegenheit und machen alle Wachen nieder, sich selbst zu den Herrschern Khorinis ernennend. Nur den Zauberern gelingt es ihr Leben zu retten, jedoch steht es auch außerhalb ihrer Kräfte die Barriere zu verlassen. Nun ward der König gezwungen sich mit den Gefangenen zu arrangieren ? im Austausch gegen Waren der Außenwelt und anderen Vergünstigungen erhält er die Erze, die er so dringend braucht, um den Krieg weiter zu führen. Nun wird jedoch ein Fremder zur Arbeit in den Minen verurteilt, der das Gefüge von Khorinis ins Wanken bringen soll ? ausgestattet mit einem Brief für den höchsten der Feuermagier beginnt die Flucht aus der Welt ohne Wiederkehr.

 

Durch die Story von Gothic gelingt es den Entwicklern von vornherein dem Spieler eine abgeschlossene und in sich schlüssige Welt zu präsentieren, die im Gegensatz zu den meisten Rollenspielen deutlich eingeschränkter ist, was sich jedoch im Laufe des Spiels als wenig hinderlich erweist. Im Gegensatz zu vielen anderen aktuellen Titeln verschwendet Gothic somit nicht allzu viel Energie in die Beschreibung riesiger Areale, sondern kann sich sehr detailliert und damit sehr atomsphärisch mit dem abgeschlossenen Bereich auseinander setzen. Gothic ist kein klassisches Rollenspiel mit isometrischem Blickwinkel, sondern bietet dem Spieler eine Optik, die gewaltig an Third Person Shooter erinnert. Die ganze Spielwelt wird in durchweg guter und sehr detaillierter dreidimensionaler Grafik präsentiert, die der Spieler aus einer Perspektive über seinem Helden wahrnimmt, was ein wenig an Rune oder auch Tomb Raider erinnert. Die Grafik brilliert vor allem im Detailreichtum, wie den animierten Gesichtern, der über 500 Spielfiguren. Die Steuerung ist vollständig individuell konfigurierbar und wird als besonders einfach beworben, was sich jedoch in der Realität etwas anders darstellt. Die Steuerung ist gewöhnungsbedürftig, vor allem, wenn man als Rollenspieler wenig Erfahrung mit Actionadventures ala Tomb Raider oder Indiana Jones sammeln konnte. Es dauert doch eine ganze Zeit, bis sich der Held flüssig durch die Landschaft bewegt und in einem Kampf seinen Mann stehen kann. Gothic selbst tituliert sich als Actionrollenspiel, was dem Konzept jedoch nicht gerecht zu werden vermag - zwar ist das Spielprinzip auf Echtzeitkämpfe getrimmt, jedoch überwiegt der rollenspielerische Anteil, vor allem am Anfang, deutlich der eigentlichen Actionlast.

 

Besonderes Augenmerk verdient die Spieltiefe und atmosphärische Dichte von Gothic. Es gilt mit zahllosen Figuren der Spielwelt in Dialog zu treten, wobei die Gespräche in übersichtlichen Multiplechoice Dialogen abgehandelt werden. Im Gegensatz zu den eher statischen Konkurrenten handeln die Personen in Gothic mit einer beängstigenden Intelligenz. Die Aktionen des Spielers in der Welt haben Einfluss auf die übrigen Figuren und die gesamte Handlung, die sehr flexibel weitergeflochten werden kann und nicht wie üblich einem fixen Aktionsstrang folgt. Auch braucht man sich nicht einzubilden die Figuren immer an dem ihnen angestammten Platz zu finden ? je nach Tageszeit gehen die Figuren auch ihrer eigenen Agenda nach, zumindest in dem durch die KI zulässigen Rahmen. Die Charakterentwicklung verdient ebenfalls besonderes Augenmerk, da man nicht im klassischen Stil zu Beginn des Spiels einen Charakter erschafft, den es dann zu führen gilt, sondern sich die Spielfigur vielmehr durch die im Spiel getroffenen Entscheidungen weiterentwickelt. So hängt die eigene Zukunft maßgeblich davon ab, welchem Lager sich der Spieler im Laufe der Handlung anschließt oder ob er sich mehr der Zauberei oder dem Schwertkampf zugeneigt zeigt.

 

Die Spielwelt selbst ist groß genug, um sich viele Stunden auf Entdeckertour zu begeben und wird durch die zahlreichen, teilweise sehr üppigen Dungeons, nochmals deutlich erweitert. Die Handlung bleibt bis zum Ende spannend und durch die sehr unterschiedlichen Möglichkeiten im Spiel, lohnt sich ein zweiter oder gar dritter Durchgang in jedem Fall, allein um die stark unterschiedlichen Lager besser kennen zu lernen (vor allem die Kultisten haben einiges an Unterhaltung zu bieten).

 

Im Fazit kann festgehalten werden, dass Gothic vieles von dem hält, was Ultima 9 versprochen hat. Eine komplexe Spielwelt, echte Interaktion mit den Spielfiguren, eine vielschichtige Handlung und hervorragende Optik machen Gothic zu einem Hochgenuss für lange Sommernächte. Einzig die gewöhnungsbedürftige Steuerung und der sehr langwierige Einstieg in das Spiel sind neben den horrenden Hardwareanforderungen als Manko anzuführen. Zwar sind die Anforderungen von Gothic für Freunde des gepflegten Ego Shooters eher als normal einzustufen, für Gelegenheitsspieler jedoch recht deftig. Die Mindestanforderungen eines PII-400, 16 MB Grafikkarte und 128 MB Ram (neben 600 MB Festplattenplatz) sorgen nicht für den flüssigen und stressfreien Spielspaß. Ein System der PIII Generation sollte es schon sein und eine gediegene 3D Karte mit mindestens 32 MB RAM tut ihr übriges. Ein wenig mehr Hauptspeicher sorgt dann für die wahre Freude beim Spiel.