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Auf der Suche nach Peter Pan
Bewertung:
(3.8)
Von: Jörg Deutesfeld
Alias: Debaser
Am: 12.11.2009
Autor:Autor und Zeichner: Cosey
Übersetzer:Kai Wilksen
Typ:Graphic Novel – Adventure
VerlagCross Cult
ISBN/ASIN:978-3-941248-33-5
Inhalt:160 Seiten, Hardcover
Preis:26,00 EUR
Sprache:Deutsch

Inhalt:

Die Geschichte von „Auf der Suche nach Peter Pan“ spielt in dem fiktiven, winterlich verschneiten Dorf Ardolaz in den Walliser Alpen um 1930, in die es den englischen Schriftsteller Melvin Woodworth nicht nur auf der Suche nach Inspiration verschlägt. Der Verleger des britischen Erfolgsautors wartet seit mehreren Wochen auf die Vorlage des neuen Manuskript des dritten Romans von Woodworth, während dieser noch nicht einmal die erste Seite zu Papier gebracht hat. In Wirklichkeit ist Woodworth aber weniger wegen der Ruhe und Abgeschiedenheit nach Ardolaz gereist, als dass er nach den Spuren seines Bruders Dragan sucht, der während seiner Reisen als Komponist ebenfalls Gast in einem noblen Hotel in Ardolaz war und hier gestorben ist.

 

Bereits bei seiner Anreise nach Ardolaz macht Woodworth auf der Gebirgsstraße die zufällige Bekanntschaft mit einem mysteriösen alten Mann, der von der Polizei wegen Falschmünzerei gesucht wird und im Laufe der Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen soll. Doch nicht nur das – Woodworth entdeckt bei einem seiner Ausflüge in die Umgebung die junge und überaus attraktive Evolena, die gänzlich entkleidet in einem abgelegenen Bergsee badet und in die sich der junge Schriftsteller Hals über Kopf verliebt. Und so entwickelt sich die Suche von Woodworth nach den Spuren seines Bruders und nach Inspiration im Laufe der weiteren Geschehnisse ganz nebenbei zu einer wunderbar in Szene gesetzten Liebesgeschichte und einer Suche nach den eigenen Wurzeln.

 

Doch die Idylle des kleinen, verschneiten Bergdorfes Ardolaz ist trügerisch, da der nahe gelegene Gletscher zu brechen droht und die damit verbundene Lawine das Dorf geradewegs unter sich begraben würde. Und schließlich tritt das unvermeidliche ein – der Eissturz des Gletschers scheint immer wahrscheinlicher und das Dorf wird vorsorglich evakuiert. Nur Woodworth weigert sich, Ardolaz zu verlassen, und versteckt sich, doch er ist nicht der letzte Mensch in dem einsamen Dorf.

 

Schreibstil & Artwork:

Der Schweizer Comic-Künstler Bernard Cosandey, besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Cosey“, wurde am 15.06.1950 in Lausanne, Waadt geboren. Nach einer von 1965 bis 1969 absolvierten Graphikerlehre war Cosey ab 1970 Assistent bei dem bekannten Zeichner Derib, der sich unter anderem für Werke wie „Attila“, „Red Road“ aber auch für „Die Schlümpfe“ verantwortlich zeigte und für seine Arbeiten selbst viel Anerkennung und einige Auszeichnungen erhielt.

 

Ab 1970 veröffentlichte Cosey nach einem Szenario von André-Paul Duchâteau mit „Monfreyd et Tilbury“ seine ersten humoristischen Comics für die belgische Zeitung „Le soir“. Seine 13-bändige Abenteuerserie „Jonathan“ startete er 1975, in der die gleichnamige Comic-Figur als europäischer Aussteiger die Region des Himalaja, vor allem aber Tibet, bereist. Im Jahr 1983 folgte die ursprünglich in zwei Bänden erschienene Geschichte „Auf der Suche nach Peter Pan“, die ihren Protagonisten ebenfalls in die Berge führte, diesmal allerdings in die Walliser Alpen. Daneben hat Cosey noch unzählige weitere Geschichten, Illustrationen, Seriegraphien und diverse andere Werke veröffentlicht, wobei sich sein Werk seit 1985 allerdings hauptsächlich auf einzelne Comic-Romane mit wechselnden Hauptfiguren reduzieren lässt.

 

Cosey erhielt in den 1970er- und 1980er-Jahren zahlreiche Auszeichnungen und Preise in Frankreich, Belgien, Deutschland und in der Schweiz. Für „Auf der Suche nach Peter Pan“ erhielt er 1988 den Max-und-Moritz-Preis der Stadt Erlangen für die beste deutschsprachige Comic-Publikation, 1993 den Preis für das beste Szenario in „Saigon – Hanoi“ auf dem „Festival International de la Bande Dessinée d'Angoulême“.

 

Cosey ist bei allem Ruhm seiner Heimat treu geblieben und wohnt in Pully (Schweiz).

 

Zeichnerisch weiß Cosey auf jeden Fall zu überzeugen: Die Anordnung und der Aufbau der Panels ist klassisch, wobei die einzelnen Übergänge sehr schön aufeinander abgestimmt sind. Bei der Kolorierung arbeitet Cosey vorwiegend mit Braun, Gelb und Blau und versucht in seiner ganz eigenen, fast schon anmutigen Art, die Natur, das Dorf und die Schneelandschaften einzufangen. Die Figuren und deren Darstellung sind durchweg realistisch und ästhetisch gehalten und können insbesondere bei den facettenreichen Darstellungen der Dorfbewohner überzeugen.

 

Qualität, Ausstattung & Übersetzung

Eine solide Fadenheftung des Hardcoverbandes mit einem wunderschönen Cover zeichnen zunächst einmal rein äußerlich diese Neuausgabe von Cross Cult aus, wobei sich allerdings auch der Inhalt sehen lassen kann: Vor dem Start in die 116 Seiten umfassende Geschichte gibt es zunächst eine aufschlussreiche und mit wunderschönen Bildern versehene Einleitung von André Guex, die sich schwerpunktmäßig mit der Walliser Alpenwelt der 20er Jahre auseinandersetzt (und damit auch dem Zeitraum der Handlung). Ein Nachwort von Volker Hamann schließt sich ebenso an wie ein Interview mit Cosey, in dem dieser einen sehr interessanten und aufschlussreichen Einblick nicht nur in das Entstehen und die Geschichte von „Auf der Suche nach Peter Pan“ gibt.

 

Ein kleiner, aber durchaus verzeihbarer Fehler ist den Machern allerdings dann doch unterlaufen: Irrtümlicherweise wird der Protagonist von Coseys Geschichte, der britische Schriftsteller Melvin Woodworth, auf dem Klappentext der Rückseite als Woodsworth bezeichnet, so wie Evolena bedauerlicherweise Evoleta genannt wird.

 

Sehr erfreulich war hingegen der mutige Schritt des Verlages durch Kai Wilksen, eine vollständige Neuübersetzung vorzulegen, die inhaltlich sehr gelungen ist.

 

Fazit:

„Auf der Suche nach Peter Pan“ dürfte sicherlich zu den modernen Klassikern der europäischen Comic-Literatur zählen, selbst wenn man dem Werk sein Alter doch ein wenig ansehen kann (immerhin liegt die Erstveröffentlichung rund 25 Jahre zurück!) und der Zeichenstil von Cosey insbesondere dem jüngeren Publikum nicht mehr ganz zeitgemäß erscheinen dürfte. Doch besitzt Cosey ein absolut sicheres Gespür für die Entwicklung seiner Geschichte und ihrer zeichnerischen Umsetzung, die insgesamt zu einer einzigartigen Atmosphäre dieses Bandes führt.

 

Insgesamt erwarten den Leser – aber auch den Betrachter – Bilder voller Kraft und einer ungewöhnlichen Ruhe und Stille vor dem Hintergrund der Waliser Bergwelt, in der der Tourismus gerade begonnen hat, Fuß zu fassen, und noch weit davon entfernt ist, mit Skiliften, Party-Stimmung und Zerstörung der Natur um sich zu greifen. Und so zeigt sich Cosey als Meister im Einsatz wortloser Sequenzen als Mittel, um Aussagen und Emotionen zu unterstreichen und zu transportieren.

 

Etwas störend, wenn nicht sogar „verstörend“ ist allerdings der Epilog, den Cosey ganz bewusst in dieser Form für seine Geschichte vorgesehen hat: Er ist schwülstig, überzogen und ein zuckersüßes Happyend, wie es sich Hollywood in seinen grellsten Farben nicht besser hätte ausmalen können. Nach den doch sehr ruhigen alpinen Bildern mit ihrem Teils derben und groben Charme und den subtil gearbeiteten, verschneiten Landschaften fällt es einfach aus dem Rahmen und ich muss an dieser Stelle gestehen – ich habe eigentlich kein Verständnis hierfür nach der sehr dichten und realistischen Geschichte, die wirklich das Prädikat „Graphic Novel“ verdient.

 

Eine Anmerkung vielleicht noch zum Schluss: Mit der Figur des Peter Pan des Briten James Matthew Barries hat die ganze Geschichte eigentlich nicht viel zu tun. Als eine neugierige Dame den Schriftsteller Woodworth nach dem Titel seines neuen Romans fragt, so erhält sie von ihm die Antwort: „Auf der Suche nach Peter Pan“.

Vor vielen Jahren erhielt Woodworth eine Ausgabe dieses Buches von seinem verstorbenen Bruder geschenkt, die er nun auch als Lektüre mit nach Ardolaz nahm – insofern dürfte es sich hier um eine elegante Wortspielerei von Cosey handeln, der nach eigenem Bekunden diesen Titel für den gesamten Comic eher zufällig wählte, da er ihn für die Geschichte für recht passend hielt. Doch letztlich liegt es auch am Leser, den Protagonisten auf seiner „Suche“ zu begleiten.

 

Insgesamt hat mich die Neuauflage dieses großartigen Werkes von Cosey durch den Cross-Cult-Verlag sehr gefreut – lange Jahre vergriffen gibt es endlich diesen zu Recht als „Klassiker“ bekannten Comic in einer sehr schön gestalteten Auflage wieder zu haben. Für mich persönlich ein wunderschönes Leseerlebnis, wenn auch der Schluss sicherlich Geschmackssache sein dürfte. Für mich dennoch eine absolute Kaufempfehlung!