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Tales of Freeport
Bewertung:
(3.8)
Von: Stephan Schobloch
Am: 25.02.2004
Autor:Graeme Davis, Chris Pramas
Typ:
System:D20
Setting:Freeport – The City of Adventure
VerlagGreen Ronin Publishing
ISBN/ASIN:0-9726756-3-9
Inhalt:96 Seiten, Softcover
Sprache:Deutsch

Tales of Freeport

Tales of Freeport (ToF) ist ein 96 Seiten starkes Softcover, das von der Aufmachung her mit den 3e Klassenbüchern von Wizards of the Coast (Sword and Fist, Defenders of the Faith etc.) vergleichbar ist. Das Titelbild stammt – wie bei allen neueren Freeport-Publikationen – von Wayne Reynolds, mit dem Green Ronin einen sehr bekannten Künstler verpflichten konnte. Um Tales of Freeport in vollem Umfang nutzen zu können benötigt man das Spielerhandbuch sowie Freeport: The City of Adventure (ebenfalls bei Green Ronin erschienen).

 

Der Inhalt

Tales of Freeport ist eine Anthologie von insgesamt vier Abenteuern, die allesamt in der Stadt Freeport und ihrer Umgebung stattfinden. Ich werde die einzelnen Abenteuer hier kurz vorstellen, wobei ich natürlich versuche, Spoiler zu vermeiden, wobei dies nicht immer möglich ist. Wenn du also vorhast, die Abenteuer aus diesem Band als Spieler zu bestreiten, solltest du jetzt aufhören zu lesen.

 

1. Soul of the Serpent

Das erste Abenteuer in Tales of Freeport ist zugleich auch das umfangreichste – zumindest was die Anzahl der Seiten betrifft. Das Abenteuer bietet eine bunte Mischung aus Detektivarbeit, Interaktion mit NSC, cthuloidem Horror und klassischem Dungeon Crawling, wobei letzteres eher knapp bemessen und nicht zwingend erforderlich ist. Die Geschichte beginnt dabei als offensichtlich klassischer Entführungsfall, schlägt dann aber den einen oder anderen Haken und enthält eine sehr clevere Variation eines der Themen aus der klassischen Freeport Trilogie (Death in Freeport, Terror in Freeport, Madness in Freeport).

 

2. The Last Resort

Das zweite Abenteuer unterscheidet sich recht radikal von so ziemlich jedem Modul, das bisher das Licht der d20-Welt erblickt hat. Statt eine Reihe von Orten und Begegnungen zu beschreiben, präsentiert es nämlich insgesamt acht (!) mehr oder weniger unabhängige Handlungsstränge, die alle in der gleichen Nacht im „Last Resort“, einem der besseren Hotels von Freeport, ablaufen, und auch innerhalb einer Nacht durchgespielt werden sollten. Dies könnte sich zwar für den Spielleiter als eine große Herausforderung erweisen, die Idee ist jedoch sehr gut und sollte im Optimalfall allen Beteiligten eine Menge Spaß bringen. Außerdem dürfte eine solche Spielsitzung eine willkommene Abwechslung zum normalen Abenteurerleben darstellen.

 

3. Cut-Throat’s Gold

Ist ein eher konservatives Modul, das nicht gerade durch ausgefallene Ideen glänzt. Die SC bekommen irgendwie eine Schatzkarte in die Finger und sollen sich nun auf den Weg machen, den Schatz zu heben. Schon bald stecken sie mitten in einem von Moskitos und Alligatoren geplagten Mangrovensumpf und sehen sich mit einem Stamm wilder Echsenmenschen konfrontiert. Gegen Ende hat das Abenteuer zwar noch eine kleine Überraschung zu bieten, deren Umsetzung aber für mich etwas konstruiert und wenig schlüssig wirkt. Mit einigen Modifikationen durch den SL könnte aber auch Cut-Throat’s Gold ein unterhaltsames Abenteuer sein, das eine Menge Schatzsucher- und ein wenig Piratencharme versprüht.

 

4. Fair Salvage

Das vierte und letzte Abenteuer im Bunde ist von der Story her sehr interessant und vermittelt beim Lesen eine spannende Atmosphäre. Alles dreht sich hier um ein fremdartiges Segelschiff und seine unheimliche Besatzung, die in Freeport auftauchen und für Reichlich Unruhe sorgen. Fans des Cthulhu Mythos werden sich unweigerlich an einige Geschichten Lovecrafts erinnert fühlen, z.B. „Das Weiße Schiff“, „Celephais“ oder „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“. Leider ist das Abenteuer nicht sehr detailliert ausgearbeitet und sollte vom Spielleiter deshalb noch ein wenig ausgebaut werden. Darüber hinaus könnte das Ende des Abenteuers sehr schwerwiegende Folgen für Freeport und die Kampagne haben.

Zusätzlich zu den Abenteuern findet man in ToF außerdem einige Seiten mit verschiedenen Abenteuerideen (Plot Hooks), über deren Qualität wohl am ehesten der persönliche Geschmack entscheidet. Mir haben einige recht gut, andere nicht so besonders gefallen. Des weiteren werden mit „Falthar’s Curios“ und dem „Salon du Masque“ zwei neue Örtlichkeiten in Freeport beschrieben.

Das letzte Kapitel schließlich ist das für eine Freeport-Publikation fast schon obligatorische „Rules You Can Use“, das diesmal eine neue aber nutzlose – weil redundante – Fertigkeit (shadowing), ein paar neue Regeln für Schusswaffen und drei neue Prestigeklassen enthält. Bei den letztgenannten handelt es sich um den Freeport Merchant, eindeutig eine NSC-PK, den Ship’s Captain, der dank eines eigenwilligen RW-Fortschrittes leider nicht ganz konform zum d20-Kanon ist, sowie den Gambler, einen Glücksspieler, der für Schurken sicherlich eine recht interessante Wahl darstellen könnte.

 

Die Präsentation

Rein äußerlich habe ich nichts an ToF auszusetzen. Bilder und Zeichnungen sind natürlich Geschmackssache, und obwohl ich kein Fan von Wayne Reynolds bin, gefällt mir das Titelbild recht gut. Die Illustrationen im Innenteil sind ebenfalls sehr gut, besonders die Arbeiten von Britt Martin sind von hervorragender Qualität. Auch Satz und Layout geben keinen Anlass zur Kritik und noch nicht einmal das Lektorat ist schlampig. Rundum äußerst gelungen.

Wertung: 5/5

 

Das Leseerlebnis

Die Abenteuer in ToF lesen sich halbwegs unterhaltsam, man ist als Leser eigentlich nie gelangweilt. Zwar vermisst man hin und wieder die beißende Ironie, die man von anderen Freeport Produkten gewohnt ist, insgesamt bleibt ToF aber eine gute Lektüre.

Wertung: 4/5

 

Der Nutzwert

Ein Buch mit vier Kaufabenteuern ist sicherlich insofern recht nützlich, da es dem Spielleiter die Arbeit abnimmt, sich selbst entsprechende Geschichten auszudenken. Hier sei aber darauf hingewiesen, dass man die Abenteuer nicht ohne einen gewissen Aufwand aus der Piratenstadt Freeport lösen und in einem anderen Setting leiten kann. Bei „The Last Resort“ kommt außerdem hinzu, dass weniger erfahrene Spielleiter hier unter Umständen ziemlich überfordert sein werden. Die präsentierten Abenteuerideen sind ebenfalls eine Sache für sich – dem einen werden sie gefallen, dem anderen nicht. Insgesamt ein bisschen zu viele Faktoren um noch als „universell nutzbar“ zu gelten, universell genug jedoch, um in dieser Kategorie mit einem deutlichen „gut“ abzuschneiden.

Wertung: 4/5

 

Die Regeln

Der Regelteil von ToF ist mit Abstand das was mich am wenigsten begeistern konnte. Das Shadowing-Skill ist schlicht überflüssig, auf den Freeport Merchant hätte man auch verzichten können. Der Ship’s Captain fällt durch einen nicht nachvollziehbaren Mangel an Regelkonformität negativ auf. Einzig der Gambler ist wirklich originell und wird wohl den Weg in meine Kampagne finden.

Wertung: 2/5

 

Preis/Leistung

Wenn man einmal überschlägt, wie viele unterhaltsame Abende die in ToF präsentierten Module und Plot Hooks einer Gruppe bescheren können, so wird schnell klar, dass der Preis von ca. 18€ absolut gerechtfertigt und keineswegs überhöht ist. Das Buch ist mit Sicherheit nicht perfekt, sein Geld wert ist es aber allemal. Zwar hätte ich persönlich bevorzugt, wenn man den mangelhaften Regelteil weggelassen und stattdessen „Cut-Throat’s Gold“ und „Fair Salvage“ weiter ausgearbeitet hätte, doch auch das sind eher weniger gravierende Kritikpunkte.

Wertung: 4/5

 

Fazit:

Tales of Freeport ist eine solide Sammlung von Abenteuern und Plot Hooks, die die Freeport-Serie optimal ergänzt und durch einige gute Ideen glänzt. Die große Schwäche der Anthologie besteht im Regelteil, auf den man in seiner jetzigen Form auch getrost verzichten könnte. Wer auf der Suche nach weiterem Abenteuerfutter für die „City of Adventure“ ist, kann allerdings bei Tales of Freeport bedenkenlos zugreifen.