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Das Albtraumreich des Edward Moon
Bewertung:
(3.9)
Von: Jörg Deutesfeld
Alias: Debaser
Am: 26.09.2009
Autor:Jonathan Barnes
Übersetzer:Biggy Winter
Typ:Roman – Horror, Mystery
Setting:England – London
VerlagPiper Verlag
ISBN/ASIN:978-3492701570
Inhalt:400 Seiten, Taschenbuch
Preis:8,95 EUR
Sprache:Deutsch

Inhalt

Zwar spielt das „Das Albtraumreich des Edward Moon“ in London im Jahre 1901, doch handelt es sich nicht um das uns vertraute und normale spätviktorianische London, sondern um eine phantastische, düster in Szene gesetzte und schier unglaubliche Welt eines fiktiven London, bevölkert von grotesken, abstoßenden, aber auch überaus interessanten Charakteren.

 

Bereits zu Beginn wird der Leser eingehend vom Verfasser des Buches über dessen Inhalt gewarnt:

„Seien Sie gewarnt. Dieses Buch besitzt keinen wie auch immer gearteten literarischen Wert. Es ist ein grässliches, gewundenes, zweifelhaftes Konvolut von Unsinnigkeiten, bevölkert von wenig überzeugenden Charakteren, geschrieben in trockener, öder Prosa, des Öfteren lächerlich und gewollt bizarr. Es ist wohl überflüssig, hier anzumerken, dass sie keiner Zeile Glauben schenken werden.“

 

Ob Barnes damit sein eigenes Werk gemeint hat und sein literarisches Debüt aus purem Eigennutz schmälern möchte oder ob es sich nur um eine erzählerische Finte handelt mag dahin gestellt sein, zumindest dürfte – auch wenn man diesen Ausführungen zu Beginn nicht sonderlich große Bedeutung beimisst – leider einiges an Wahrheit in ihnen liegen.

 

Wir erfahren den kompletten Handlungsverlauf im weiteren Verlauf zumindest aus der Sicht eines übergeordneten Erzählers, der lediglich aus seiner Perspektive einiges an Hintergrundwissen über Mr. Moon und die einzelnen Charaktere zu präsentieren weiß, doch weit davon entfernt ist, die gesamte Handlung zu überschauen. Und so bleiben einige der Geschehnisse für den Leser im Verborgenen und der eigenen Phantasie überlassen.

 

Im Mittelpunkt der Handlung steht Edward Moon, ein an Popularität verlierender Zauberkünstler und Hobbydetektiv. Begleitet wird Moon von einem Somnambulisten, einem Stummen und acht Fuß großen, haarlosen Hünen, dem körperliche Schmerzen nichts auszumachen scheinen und dessen Herkunft für den Leser im Unklaren bleibt. Die stumme Kreatur kommuniziert vermittels einer Kreidetafel mit seiner Umwelt und besitzt einen schier unbändigen Durst nach Milch und wird an der Seite Moons nur als der „Schlafwandler“ bezeichnet.

 

Den Ruhm und die Verehrung, die Moon einst einen Platz in der gehobenen Londoner Gesellschaft eingebracht haben, scheinen aufgezehrt zu sein. Seine Show im „Das Theater des Unglaublichen“ gehört längst nicht mehr zu den angesagtesten Veranstaltungen der Oberschicht und so werden auch die Einladungen zu gesellschaftlichen Anlässen zunehmend weniger.

 

Die eigentliche Leidenschaft von Moon liegt allerdings ohnehin nicht auf den Varietebühnen, sondern vielmehr der Lösung von Kriminalfällen in geradezu bester Holmscher Qualität. In über sechzig Fällen hat er in der Vergangenheit bereits sein Talent unter Beweis stellen können und dabei durchaus Erfolge erzielt. Nichts wäre Moon im Moment lieber als einen neuen und interessanten Fall zu bekommen, um seiner Apathie zu entfliehen.

 

Und so ist er durchaus erfreut, als Scotland Yard ihn um seine Hilfe bei der Aufklärung eines Mordes an dem absolut untalentierten Schauspieler namens Cyril Honeyman bittet, dem allerdings schon sehr rasch ein zweiter folgen soll. Diese seltsamen Morde führen Moon in ein Reich der Fliegenmenschen, Hellseher und Geheimbünde und es gelingt ihm, den Täter aufzuspüren, der sich allerdings vor seiner Festnahme selbst tötet. Spätestens hier wird allerdings Moon klar, dass sich hinter den Morden weitaus mehr verbergen muss und mächtige Personen am Werk sind, die einen finsteren Plan verfolgen.

 

Und so führt uns der bereits eingangs erwähnte Erzähler (und damit letztlich natürlich auch Jonathan Barnes) auf sehr eigenwillige Art und Weise durch das vom ihm ersonnene skurrile London eines Mr. Edward Moon und präsentiert uns eine ganze Riege höchst eigensinniger Figuren und einiger denkwürdiger Charaktere inmitten einer sich immer schneller entwickelnden Handlung mit einem Schluss, der alle Möglichkeiten zu einer Fortsetzung offenhält.

 

Über den Autor

Jonathan Barnes graduierte in Oxford in englischer Literatur und arbeitet als freier Kolumnist für mehrere britische Tageszeitungen und Magazine, darunter auch das renommierte „The Times Literary Supplement“. Sein Roman „Das Albtraumreich des Edward Moon“ avancierte in England zur literarischen Sensation, an das er mit dem Band „Das Königshaus der Monster“ lose anknüpft.

Normalerweise schreibe ich an dieser Stelle gerne etwas mehr über den Autor, doch scheint es, als sei Jonathan Barnes in den Medien geradezu ein unbeschriebenes Blatt. Die einzig interessante Information, über die ich noch gestolpert bin, ist der Hinweis auf zwei verschiedene Ausgaben von „The Somnambulist“: Der Autor selbst hat die etwas später erschienene amerikanische Ausgabe wohl noch einmal überarbeitet und ergänzt. Ob er vielleicht nicht zufrieden mit seinem Werk war oder ob er es um noch einige Facetten angereichert hat, konnte ich allerdings nicht erfahren.

 

Fazit

Mit seinem Roman „Das Albtraumreich des Edward Moon“ präsentiert Jonathan Barnes ein überaus ambitioniertes Erstlingswerk, welches insbesondere im ersten Drittel zur vollen Gänze überzeugen kann. Bedauerlicherweise verliert sich Barnes aber irgendwann in seinen zahllosen Figuren, Handlungsfäden in dem seltsamen Gespinst, aus dem das Alptraumreich seines Mr. Moon gewoben ist, und lässt nicht unerheblich nach. Der bis zu diesem Zeitpunkt recht linear angelegte Verlauf der Handlung kippt und wird mit etlichen – wenn auch zum Teil durchaus lesenswerten und amüsanten – Banalitäten geradezu überfrachtet. So scheint der Autor nicht nur langsam den Überblick über sein eigenes Werk zu verlieren, sondern auch ein gutes Stück seiner erzählerischen Leichtigkeit, die das erste Drittel wesentlich prägte.

 

Bei aller Kritik vermag das Konzept des Romans dennoch zu beeindrucken, da es sich um wesentlich mehr als nur um einen phantastischen Kriminalroman vor dem Hintergrund des viktorianischen Londons handelt. Mit sicherem Gespür löst Barnes die Grenzen zwischen Realität und Phantastik auf und entwickelt eine reizvolle Vorstellung für den geneigten Leser, der sich zur Gänze auf diese düsteren, seltsamen und bizarren Reisen einlässt.

 

Auch wenn den aufmerksamen Leser dauernd das Gefühl befällt, einige Dinge zu kennen oder schon einmal gelesen zu haben, so wird man dem Autor dennoch nirgendwo eine direkte Anleihe aus anderen Werken nachweisen können. Es scheint aber, als habe Barnes eine Hommage an alle von ihm geliebten literarischen Vorlagen und Schriftsteller zu Papier gebracht: Sherlock Holmes, Doctor Who, Frankenstein, Versatzstücke aus den Geschichten von Charles Dickens, Alan Moores „From Hell“, Neil Gaimans „Niemalsland“ und natürlich das historische London aus dem Blickwinkel des von mir hochgeschätzten Peter Ackroyd.

 

Wie so oft ist man natürlich geneigt auch diesen Roman in eine Schublade zu stecken, um dem interessierten Leser zumindest einen Anhaltspunkt zu geben: Es gab in den letzten Jahren eine Serie von Autoren im Bereich Fantasy und Horror, denen man die Bezeichnung „The New Weird” (auch wenn sie längst nicht mehr so neu sind) gab. Zu den bekanntesten Schriftstellern dieses Genres zählen unter anderem Jeff Vandermeer, China Mieville und M. John Harrison. Wie es oftmals so ist, bleiben natürlich auch andere Schriftsteller von solchen Einflüssen nicht unbeeindruckt, wie es meines Erachtens auch Jonathan Barnes ist. Und so dürfte auch der Roman von Barnes sicherlich in diese Ecke passen, da sich auch bei ihm Elemente aus den Genres Fantasy, Horror und hier sicherlich als Besonderheit die des Krimis mischen. Barnes geht dabei – wenn auch recht behutsam – einen Schritt weiter und vermischt nicht nur die Genres zu einem neuen Ganzen, sondern zersetzt sie auch mit Aspekten von Moral und Politik.

 

Die Übersetzung von Biggy Winter ist insgesamt sehr gut, doch eins hat mich stutzig gemacht: Im Original lautet der Titels des Buches „The Somnambulist“ und so hat es mich doch sehr gewundert, dieses Buch unter der Übersetzung „Das Albtraumreich des Edward Moon“ wiederzufinden. Ob dem Verlag der Titel „Der Somnambulist“ zu sperrig für seine anvisierte Zielgruppe war oder ob sich Biggy Winter etwas anderes dabei gedacht hat – wir werden es wahrscheinlich wohl nie erfahren. Zumindest hierfür aber den Wink mit dem erhobenen Zeigefinger in Richtung des Verlags!

 

Wer auf der Suche nach einem Roman mit einem düsteren, mysteriösen und spätviktorianischen London ist, skurrile und schräge Charaktere mag und dabei auch keine Furcht vor einem vielleicht nicht ganz zufriedenstellenden Schluss hat, der ist hier vollkommen richtig aufgehoben. Bei allen Mängeln hat mir „Das Albtraumreich des Edward Moon“ persönlich recht gut gefallen und ich bin schon gespannt auf die zum Teil grandiosen Einfälle des Autors, die mich in seinem Roman „Das Königshaus der Monster“ erwarten.